Sturzprävention: Physiotherapie als Schlüssel

Stürze stellen ein zunehmendes Gesundheitsproblem dar, das insbesondere ältere Menschen betrifft und mit schwerwiegenden Folgen verbunden sein kann.
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Stürze im Alter: Ursachen, Folgen und wie schützen wir uns effektiv?

Stürze sind ein grosses Gesundheitsproblem, welches vor allem ältere Menschen betrifft. Die Häufigkeit von Stürzen nimmt mit dem Alter deutlich zu, was oftmals schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich zieht. Die steigende Lebenserwartung führt dazu, dass immer mehr Menschen einem erhöhten Sturzrisiko ausgesetzt sind. Daher ist die Sturzprävention und Risikominimierung ein immer wichtigeres Thema in der Physiotherapie.

Wichtige Fakten zur Sturzhäufigkeit bei älteren Menschen:

1. Allgemeine Sturzhäufigkeit

  • Ab dem 65. Lebensjahr stürzt etwa ein Drittel der Menschen mindestens einmal pro Jahr. Bei Menschen über 80 Jahren steigt diese Rate auf etwa 50 %. Frauen stürzen häufiger als Männer.

2. Verletzungen: Häufigkeit und Schwere

  • Etwa 20 bis 30 % der Stürze führen zu leichten Verletzungen. 5 bis 10 % der Stürze verursachen schwerwiegendere Verletzungen wie Knochenbrüche, insbesondere im Bereich der Hüfte, welche oft zu längeren Krankenhausaufenthalten und/ oder Pflegebedürftigkeit führen.

3. Ort des Sturzes

  • Mehr als 50 % der Stürze ereignen sich zu Hause.
  • Ausserhalb des Hauses passieren viele Stürze vor allem beim Gehen auf unebenen oder rutschigen Flächen.

4. Wiederholte Stürze

  • Von den Personen, die einmal gestürzt sind, stürzen etwa 30 bis 40 % erneut innerhalb eines Jahres.

5. Kosten und Gesundheitssystem

  • Stürze verursachen erhebliche Kosten im Gesundheitssystem, insbesondere aufgrund der notwendigen Behandlung und Rehabilitation von Frakturen und der oftmals langfristigen Pflegebedürftigkeit danach.

6. Risikofaktoren

  • Das Alter, insbesondere ab dem 75 Lebensjahr sowie Krankheiten wie M. Parkinson, Diabetes oder Arthritis erhöhen das Sturzrisiko.
  • Muskelschwäche, Gleichgewichtsstörungen sowie die Einnahme von Medikamenten wie Beruhigungsmittel und Blutdrucksenker tragen signifikant zur Sturzhäufigkeit bei.

7. Prävention

  • Insbesondere ein von Physiotherapeuten begleitetes Kraft- und Balance-Training sowie die Beseitigung von Stolperfallen im Haushalt können das Risiko von Stürzen signifikant reduzieren.
  • Der Einsatz von Gehhilfen und das Tragen von stabilen Schuhen können ebenfalls helfen, Stürze zu verhindern.

Starke Beine verhindern Stürze

Die Beinkraft spielt eine zentrale Rolle bei der Verhinderung von Stürzen, insbesondere im Alter. Schwache Beinmuskulatur ist ein bedeutender Risikofaktor, da sie direkt mit Gleichgewicht, Mobilität und der Fähigkeit, schnell auf unerwartete Situationen zu reagieren, zusammenhängt. Hier einige wesentliche Punkte zur Bedeutung der Beinkraft im Hinblick auf die Sturzhäufigkeit:

1. Gleichgewicht und Stabilität

  • Eine gute Beinkraft unterstützt die Stabilität und das Gleichgewicht beim Stehen, Gehen und bei Alltagsaktivitäten. Mit einer schwachen Beinmuskulatur ist das Gleichgewicht reduziert und es fällt schwerer, die Körperposition aufrechtzuerhalten, was das Sturzrisiko erhöht.
  • Besonders die Oberschenkel- und Wadenmuskulatur spielen eine wichtige Rolle dabei, kleine Störungen im Gleichgewicht auszugleichen, z. B. beim Gehen auf unebenem Boden oder bei plötzlichen Richtungswechseln.

2. Reaktionsvermögen

  • Ältere Menschen mit einer stärkeren Beinmuskulatur können schneller und insgesamt besser auf Situationen reagieren, die einen drohenden Sturz verursachen können, wie z. B. Stolpern oder Ausrutschen. Studien haben gezeigt, dass Personen mit einer geringeren Muskelkraft oft langsamer reagieren und somit weniger in der Lage sind, einem drohenden Sturz schnell genug entgegenzuwirken.

3. Mobilität und Gehfähigkeit

  • Insbesondere die Kniebeugekraft ist entscheidend für eine sichere und unabhängige Fortbewegung. V.a. Gehen auf unebenem oder rutschigem UntergrundTreppe steigenHinsetzen und Aufstehen aus dem Sitzen erfordern eine funktionale Muskelkraft, die im Alter oft nachlässt.

4. Präventionsstrategien

  • Studien belegen, dass ältere Erwachsene, die regelmässig von Physiotherapeuten angeleitete Kraft- und Balanceübungen durchführen, ihr Sturzrisiko deutlich verringern können.

5. Alterssarkopenie

  • Mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelmasse natürlicherweise ab (Sarkopenie), was zu einer Reduzierung der Beinkraft führt. Regelmässiges Krafttraining kann diesen Prozess verlangsamen und die Funktionalität aufrechterhalten.

6. Fazit

  • Eine stärkere Beinmuskulatur kann helfen, die Schwere eines Sturzes zu mindern. Bei Personen mit besserer Beinkraft ist es wahrscheinlicher, dass sie sich im Falle eines Sturzes abfangen oder zumindest den Aufprall abmildern können.

Sturzprävention: Wirksamkeit wissenschaftlich belegt

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit verschiedener Übungsprogramme bei sturzgefährdeten, älteren Menschen:

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die die Wirksamkeit von Kraft- und physiotherapeutisch angeleitetem Gleichgewichtstraining bei der Verringerung der Sturzhäufigkeit bei älteren Menschen belegen. Hier einige der bedeutendsten Studien zu diesem Thema:

1. The LIFE Study (Lifestyle Interventions and Independence for Elders)

  • Design: Diese grosse, randomisierte und kontrollierte Studie untersuchte ältere Erwachsene (70–89 Jahre), um den Einfluss von körperlicher Aktivität, einschliesslich Krafttraining, auf Stürze und die allgemeine Mobilität zu analysieren.
  • Ergebnisse: Teilnehmer, die regelmässig an körperlichen Aktivitäten teilnahmen, einschliesslich Krafttraining für die Beinmuskulatur, hatten ein signifikant geringeres Sturzrisiko und zeigten auch eine verbesserte Gehfähigkeit und Mobilität.
  • Schlussfolgerung: Moderate bis intensive körperliche Aktivität, insbesondere mit Fokus auf Muskelkräftigung, trägt dazu bei, das Sturzrisiko zu verringern und die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern.

Quelle: Pahor, M., et al. (2014). Effect of Structured Physical Activity on Prevention of Major Mobility Disability in Older Adults: The LIFE Study Randomized Clinical Trial. JAMA.

2. FICSIT (Frailty and Injuries: Cooperative Studies of Intervention Techniques)

  • Design: In dieser Studie wurden ältere Erwachsene, die in Pflegeeinrichtungen lebten, über einen Zeitraum von mehreren Monaten auf die Wirkung von Kraft- und Balance-Training untersucht. Das Programm beinhaltete Bein-betontes Krafttraining, sowie Balance-Übungen.
  • Ergebnisse: Die Teilnehmer der Gruppe, die das Training durchführte, zeigten eine 48 % geringere Sturzhäufigkeit im Vergleich zu der Kontrollgruppe. Die Studie zeigte auch, dass die Verbesserung der Beinkraft und des Gleichgewichts entscheidend für die Sturzprävention ist.
  • Schlussfolgerung: Kraft- und Gleichgewichtstraining führt zu einer signifikanten Reduzierung des Sturzrisikos bei älteren Erwachsenen, insbesondere in betreuten Wohnsituationen.

Quelle: Wolf, S. L., et al. (1996). The effect of Tai Chi and computerized balance training on fall occurrences in older adults: A randomized controlled trial. J Gerontol A Biol Sci Med Sci.

3. The SPRINTT Trial (Sarcopenia and Physical frailty in older people: multi-component Treatment strategies)

  • Design: Diese Studie untersuchte die Auswirkungen eines kombinierten Kraft-, Ausdauer- und Balance-Trainings auf die Prävention von Stürzen bei älteren Erwachsenen mit Sarkopenie (altersbedingtem Muskelschwund).
  • Ergebnisse: Die Studie zeigte, dass durch regelmässiges Krafttraining, das speziell die Beinmuskulatur stärkt, das Risiko von Stürzen bei Menschen mit Muskelverlust um bis zu 30 % reduziert werden konnte. Zudem wurde die allgemeine Mobilität verbessert.
  • Schlussfolgerung: Krafttraining ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Sarkopenie und hilft, das Risiko von Stürzen bei gebrechlichen älteren Menschen zu verringern.

Quelle: Landi, F., et al. (2017). Sarcopenia and Physical fRailty IN older people: multi-componenT Treatment strategies (SPRINTT) randomized controlled trial: Design and methods. Aging Clin Exp Res.

4. The European SHARE Study (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe)

  • Design: Diese umfassende europäische Studie befasste sich mit älteren Erwachsenen und untersuchte den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität, einschliesslich Krafttraining und Sturzprävention.
  • Ergebnisse: Regelmässige körperliche Aktivität, insbesondere Krafttraining, führte zu einer signifikanten Reduktion von Stürzen, wobei die Studienpopulation deutliche Verbesserungen bei der Beinkraft und im Gleichgewicht zeigten.
  • Schlussfolgerung: Diese grosse europaweite Studie bestätigt die positiven Effekte von Krafttraining auf die Sturzprävention bei älteren Erwachsenen in verschiedenen Ländern.

Quelle: Börsch-Supan, A., et al. (2013). Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) Wave 4: Innovations & Methodology.

5. Cochrane-Review zur Wirksamkeit von Gleichgewichtstraining

  • Design: Diese Metaanalyse von randomisierten, kontrollierten Studien untersuchte die Wirksamkeit von körperlichem Training, insbesondere von Gleichgewichtsübungen, zur Sturzprävention bei älteren Erwachsenen.
  • Ergebnisse: Die Analyse ergab, dass ein strukturiertes Gleichgewichts- und Krafttraining das Sturzrisiko signifikant reduziert. Bei älteren Erwachsenen, die an Balanceübungen teilnahmen, sank die Sturzhäufigkeit um 23 bis 30 %.
  • Schlussfolgerung: Regelmässiges Gleichgewichtstraining ist eine der effektivsten Massnahmen zur Prävention von Stürzen im Alter.

Quelle: Sherrington, C., et al. (2019). Exercise to prevent falls in older adults: an updated systematic review and meta-analysis. British Journal of Sports Medicine.

6. The PROFANE Study (Prevention of Falls Network Europe)

  • Design: Diese europaweite Studie untersuchte die Wirksamkeit von verschiedenen Sturzpräventionsprogrammen, die auf Gleichgewichtstraining und Kraftaufbau abzielten.
  • Ergebnisse: Teilnehmer, die regelmässig an Balance- und Gleichgewichtstraining teilnahmen, wiesen eine signifikante Reduktion der Stürze auf. Vor allem das Training, das mindestens drei Mal pro Woche durchgeführt wurde, zeigte eine starke präventive Wirkung.
  • Schlussfolgerung: Physiotherapie-Programme, die auf Gleichgewicht und Kraftaufbau abzielen, sind eine effektive Strategie zur Reduktion von Stürzen bei älteren Erwachsenen.

Quelle: Lamb, S. E., et al. (2005). Falls prevention in the elderly: a multifactorial intervention focusing on balance and strength training. Age Ageing.

7. The SPRINT Study (Strategies for Reducing Injuries and Falls)

  • Design: In dieser randomisierten Studie wurde die Wirkung von gezieltem Gleichgewichtstraining im Rahmen der Physiotherapie bei älteren Erwachsenen untersucht.
  • Ergebnisse: Das gezielte Gleichgewichtstraining führte zu einer 25 % Reduktion der Stürze bei den Teilnehmern. Es wurde beobachtet, dass ein regelmässiges Training, das über mindestens sechs Monate durchgeführt wird, die besten Ergebnisse erzielte.
  • Schlussfolgerung: Gleichgewichtstraining als Teil eines Physiotherapieprogramms hat eine signifikante Wirkung auf die Reduktion von Stürzen bei älteren Erwachsenen, insbesondere bei solchen mit erhöhtem Sturzrisiko.

Quelle: Gillespie, L. D., et al. (2012). Interventions for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews.

8. Exercising Balance (ExBal) Trial

  • Design: Untersuchung der Auswirkung von Balanceübungen, die in der Physiotherapie bei älteren Erwachsenen durchgeführt wurden, auf das Sturzrisiko.
  • Ergebnisse: Teilnehmer, die regelmässig Balanceübungen durchführten, hatten eine 26 % geringere Sturzhäufigkeit als jene, die an einem allgemeinen körperlichen Aktivitätsprogramm ohne spezifisches Gleichgewichtstraining teilnahmen. Das Training beinhaltete sowohl statische als auch dynamische Gleichgewichtsübungen.
  • Schlussfolgerung: Spezifische Gleichgewichtstrainingseinheiten innerhalb der Physiotherapie haben eine deutliche Schutzwirkung gegen Stürze und sollten als Teil von Sturzpräventionsprogrammen integriert werden.

Quelle: Howe, T. E., et al. (2011). Exercise for improving balance in older people. Cochrane Database of Systematic Reviews.

Fazit

Die aufgeführten Studien zeigen übereinstimmend, dass Krafttraining, insbesondere für die Beinmuskulatur, eine der effektivsten Methoden ist, um das Sturzrisiko bei älteren Menschen zu senken. Regelmässiges therapeutisch geführtes Gleichgewichtstraining führt zu einer Verbesserung der Mobilität und zu einer Reduktion des Sturzrisikos und den damit verbundenen Verletzungen um bis zu 40%. Die allgemeine Mobilität und Stabilität wird gefördert und trägt entscheidend dazu bei, die Lebensqualität und Unabhängigkeit älterer Erwachsener zu erhalten.

Weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Sturzprävention:

Otago Exercise Programme: Quelle: Campbell, A. J., & Robertson, M. C. (2003). Otago Exercise Programme to Prevent Falls in Older Adults.

ProAct65+ Study: Quelle: Iliffe, S., et al. (2014). ProAct65+: Cluster randomised controlled trial of an exercise programme to prevent falls in older people. BMJ.

LiFE Study (Lifestyle-integrated Functional Exercise): Quelle: Clemson, L., et al. (2012). Integration of balance and strength training into daily life activity to reduce rate of falls in older people (the LiFE study): randomised parallel trial. BMJ.

Dieses Physiotherapie-Wissen stammt von:

Cay Botzenhart

Dipl. Physiotherapeut
Dipl. Manualtherapeut
MSc Health Ergonomics

Standort Schaffhausen
Standort Diessenhofen