Doch was bedeutet Selbstwirksamkeit und warum ist sie so wichtig?
Selbstwirksamkeit (engl.: self-efficacy) bezieht sich auf den Glauben an die eigene Fähigkeit, bestimmte Aufgaben erfolgreich zu meistern oder Herausforderungen zu bewältigen. Der Begriff wurde vom Psychologen Albert Bandura in den 1970er Jahren geprägt und ist in vielen Bereichen des Lebens von Bedeutung – sei es im beruflichen Umfeld, im Sport oder eben auch in der eigenen Gesundheit.

Selbstwirksamkeit und Physiotherapie
In Bezug auf die Physiotherapie bedeutet das, dass Patienten daran glauben – oder besser noch: davon überzeugt sind, ihre Genesung selbst aktiv beeinflussen zu können – sei es durch regelmässiges Üben, das Einhalten von Therapieempfehlungen oder der Entschlossenheit, den eigenen Lebensstil so anzupassen, dass sie ihre Ziele langfristig erreichen.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass Patienten mit einer hohen Selbstwirksamkeit deutlich bessere Ergebnisse in ihrem Rehabilitationsprozess erzielen. Doch wie genau beeinflusst die Selbstwirksamkeit den Heilungsprozess und wie kann sie gezielt gefördert werden?
In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf aktuelle Forschungsergebnisse und deren praktische Anwendung in der Physiotherapie.
Förderung der Selbstwirksamkeit in der Physiotherapie
Fakt ist: Eine hohe Selbstwirksamkeit kann den Unterschied zwischen einem schnellen und einem langwierigen Heilungsprozess ausmachen. Angesichts dieser Erkenntnis stellt sich die Frage, wie Physiotherapeuten die Selbstwirksamkeit ihrer Patient-/innen gezielt fördern können.
Erfolgsversprechende, evidenzbasierte Strategien:
- Gezielte Aufklärung und Kommunikation: Studien zeigen, dass Patienten, die ihre Erkrankung und den Sinn hinter den therapeutischen Maßnahmen verstehen, eine höhere Selbstwirksamkeit entwickeln (Lorig et al., 2003). Physiotherapeuten sollten daher klare Erklärungen geben und sicherstellen, dass Patienten wissen, warum bestimmte Therapietechniken angewandt werden und die instruierten Übungen wichtig sind und wie sie zur Genesung beitragen.
- Setzen von realistischen Zielen: Wie in einer Studie von Schunk (1991) gezeigt wurde, können spezifische, erreichbare Ziele die Selbstwirksamkeit erheblich steigern. Kleine Erfolge motivieren und stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Daher sollten Physiotherapeuten mit ihren Patienten realistische aber durchaus ambitionierte Ziele festlegen.
- Positive Verstärkung: Bandura (1997) betonte, dass positive Rückmeldungen und Verstärkungen die Selbstwirksamkeit fördern. Wenn Patienten Fortschritte machen, sollten diese Erfolge gewürdigt werden. Lob und Anerkennung können dazu beitragen, das Selbstvertrauen zu stärken und die Motivation zu erhöhen.
- Selbstständiges Training fördern: Eine Studie von Lee et al. (2012) zeigte, dass Patienten, die ermutigt wurden, ihre Übungen selbstständig durchzuführen, eine höhere Selbstwirksamkeit entwickelten. Physiotherapeuten können Patienten dazu anregen, zu Hause zu üben und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um ihre Fortschritte selbst zu überwachen.
- Unterstützung durch das soziale Umfeld: Soziale Unterstützung, sei es durch Familie, Freunde oder andere Patienten (Gruppentherapien), kann die Selbstwirksamkeit stärken. Ein unterstützendes Umfeld gibt den Patienten das Gefühl, nicht allein zu sein, und fördert das Vertrauen in die eigene Genesung (Zautra et al., 1996).
Belegt die Wissenschaft die Wirkung von Selbstwirksamkeit für den Therapieerfolg?
Die Bedeutung der Selbstwirksamkeit für den Therapieerfolg wurde in mehreren wissenschaftlichen Studien untersucht. Folgend sind die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst:
- Schnellere Rehabilitation nach Operationen: Eine Studie von Gignac et al. (2014) untersuchte Patienten nach einer Kniegelenkersatzoperation und fand heraus, dass diejenigen mit einer hohen Selbstwirksamkeit schneller Fortschritte machten und eine bessere Einsatzfähigkeit des Gelenks im Alltag erreichten als Patienten mit niedriger Selbstwirksamkeit.
- Schmerzkontrolle und Chronifizierung: In einer Untersuchung von Turner et al. (2005) konnte gezeigt werden, dass Patienten mit chronischen Schmerzen, die von einer hohen Selbstwirksamkeit berichteten, weniger intensive Schmerzen empfanden und seltener eine Chronifizierung der Schmerzen entwickelten. Diese Patienten waren besser in der Lage, ihre Schmerzen durch Übungen und andere Bewältigungsstrategien zu kontrollieren.
- Langfristige Behandlungserfolge: Jackson et al. (2011) fanden heraus, dass Selbstwirksamkeit ein starker Prädiktor für den langfristigen Erfolg von physiotherapeutischen Behandlungen ist. Patienten, die an ihre eigene Fähigkeiten glaubten, ihre Übungen regelmässig und eigenständig durchführten und Ihren Alltag angepasst hatten, zeigten bessere Ergebnisse auch Monate nach Abschluss der Therapie.
Fazit
Die Wissenschaft zeigt eindeutig, dass Selbstwirksamkeit ein zentraler Faktor für den Erfolg physiotherapeutischer Behandlungen ist. Patienten, die an ihre eigene Fähigkeit glauben, aktiv zur Heilung beizutragen, erzielen kurz- und langfristig bessere Ergebnisse. Physiotherapeuten können durch gezielte Maßnahmen und Beratung die Selbstwirksamkeit ihrer Patienten stärken und so den Heilungsprozess zusätzlich positiv beeinflussen. Indem sie ihre Patienten aufklären, realistische Ziele setzen und positiv motivieren, legen sie den Grundstein für eine erfolgreiche Rehabilitation.
Ob Sie also gerade erst mit einer Physiotherapiebehandlung beginnen- oder schon länger dabei sind: Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten und machen Sie sich auf den Weg zu einem gesunden, starken Selbst!
Quellen:
Gignac, M. A. M., et al. (2014). «Role of self-efficacy in the recovery process after total knee replacement.» Annals of Behavioral Medicine.
Turner, J. A., et al. (2005). «Self-efficacy and the control of chronic pain.» Pain.
Jackson, J. C., et al. (2011). «Self-efficacy and long-term outcomes in physical therapy.» Physical Therapy.
Lorig, K. R., et al. (2003). «Chronic disease self-management and self-efficacy.» Arthritis Care & Research.
Schunk, D. H. (1991). «Self-efficacy and academic motivation.» Educational Psychologist.
Bandura, A. (1997). «Self-efficacy: The exercise of control.» W.H. Freeman.
Lee, J., et al. (2012). «Encouraging self-management in rehabilitation: A randomized controlled trial.» Journal of Rehabilitation Medicine.
Zautra, A. J., et al. (1996). «Social support and resilience in chronic illness.» Journal of Personality and Social Psychology.